Wenn du in mehr als einer Sprache arbeitest, insbesondere mit CJK‑Quellen, bist du vermutlich schon an die Grenzen der „normalen“ Mehrsprachenunterstützung von Zotero gestoßen. Jahrelang war Juris-M die Antwort darauf: ein Zotero‑Fork, der leistungsfähige mehrsprachige (und juristische) Funktionen hinzufügte – allerdings zum Preis eines separaten, zunehmend veralteten Clients.
Mit dem neuen Plugin cite-non-english (CNE) von Bo An kommt die mehrsprachige Zitation nun endlich direkt im „normalen“ Zotero an. Ich sehe CNE als die erste Realisierung dessen, was das Zotero‑Team seit Langem sagt: Mehrsprachigkeit gehört in ein Plugin, nicht in einen Fork.


Was Juris-M gelöst hat – und warum es nicht bleiben konnte
Juris-M wurde entwickelt, um zwei Dinge besser zu machen als Zotero:
- Mehrsprachige Metadaten: Originaltitel, Transliteration, Übersetzungen und Sprachkennzeichnung, insbesondere für ostasiatische und andere nicht‑lateinische Schriften.
- Juristische Zitation: rechtsraumabhängige Zitierstile und ein „Legal Resource Registry“.
Ein typischer Juris‑M‑Workflow für CJK‑Quellen dürfte vielen bekannt vorkommen:
- Du speicherst den Titel eines Werks auf Chinesisch oder Japanisch, dazu eine Romanisierung und eine englische Übersetzung.
- Du erzeugst auf Basis derselben Datenbank ein Literaturverzeichnis in einer Sprache für ein internationales Journal und in einer anderen Sprache für eine lokale Publikation.
Das Problem war jedoch struktureller Natur: Juris-M ist eine eigene Zotero‑Variante. Jede größere Zotero‑Aktualisierung (neuer PDF‑Reader, Notizeditor, Annotationen, neue Dokumenttypen) musste manuell portiert werden. Dadurch hinkte Juris-M dem Kern‑Zotero ständig hinterher und Nutzerinnen und Nutzer blieben zunehmend auf alten Versionen hängen. Viele Plugins funktionierten dann nicht mehr.
Selbst in den Zotero‑Foren ist die aktuelle Empfehlung eindeutig: Für neue Projekte sollte man nicht damit rechnen, dass Juris-M weiter aktiv gepflegt wird, sondern von vornherein auf Plugins innerhalb von Zotero setzen.
Zoteros Kurs: Erweiterungen statt Forks
In mehreren Forendiskussionen haben die Zotero‑Entwickler eine klare Linie gezogen:
- Die Pflege eines vollständigen Zotero‑Forks ist praktisch nicht mehr leistbar; das Projekt entwickelt sich zu schnell und verändert zu viele Teile des Codes.
- Fortgeschrittenes mehrsprachiges und juristisches Verhalten gehört in Plugins, die an Zoteros APIs und die Zitationsengine andocken – nicht in einen separaten Client.
- Arbeiten, die Juris‑M‑artige Funktionen als Erweiterungen zurück in Zotero bringen, werden ausdrücklich begrüßt.
Neuere Zotero‑Versionen stellen mehr Erweiterungspunkte rund um den Eintrag‑Dialog, zusätzliche Felder und die CSL‑Integration bereit. So können Plugins beeinflussen, welche Daten an citeproc übergeben werden – ohne den Zotero‑Kern zu patchen. Genau diese Öffnung nutzt cite-non-english.
Das Plugin cite-non-english (CNE)
Das Plugin cite-non-english, zu finden unter https://github.com/boan-anbo/cite-non-english, möchte „Mehrsprachenunterstützung für Zitationen in Zotero hinzufügen“, jetzt, da Juris-M nicht mehr aktiv gepflegt wird. Es wird wie jedes andere Zotero‑Plugin installiert und läuft mit der aktuellen Zotero‑Version – du behältst also alle neuen Funktionen und gewinnst gleichzeitig eine deutlich leistungsfähigere Mehrsprachigkeit.
Nach Angaben des Autors bietet CNE unter anderem:
- Zusätzliche „non-English citation fields“, mit denen sich lokalsprachige, transliterierte und übersetzte Formen von Namen und Titeln gezielt speichern und steuern lassen.
- Speziell vorbereitete CSL‑Stile (zum Teil formal nicht zu 100 % CSL‑konform), die zusätzliche Konfiguration für das Plugin enthalten.
- Abfangen der Zitationsdaten, die Zotero an citeproc‑js übergibt, Umschreiben dieser Daten auf Basis der Stil‑Konfiguration und anschließende Übergabe an citeproc zur Formatierung.
Unter der Haube steckt „eine Menge Hacking“: Monkey‑Patches, im CSL‑<info>‑Block eingebettete, serialisierte Plugin‑Konfiguration usw. Die formatierten Ausgaben sind jedoch durch eine umfangreiche Testsuite abgesichert. Der Autor betont außerdem, dass er soweit möglich auf vorhandene Funktionen von Zotero, CSL und citeproc‑js aufsetzt.
Wie CNE mehrsprachige Workflows in Zotero verändert
Für mehrsprachige Nutzerinnen und Nutzer ist der praktische Effekt erheblich. Folgendes Video ist reproduziert von https://github.com/boan-anbo/cite-non-english.
Eine Bibliothek, mehrere Schriftsysteme
CNE ist für Workflows wie diesen gedacht:
- In deiner Bibliothek ist der Autorenname in romanisierter Form hinterlegt, z. B. „Hua, Linfu“, damit du einfach sortieren und suchen kannst.
- In bestimmten Kontexten sollen Zitate den Namen aber auf Chinesisch anzeigen.
In einem Forenbeitrag wird genau dieses Szenario beschrieben: Der Zotero‑Eintrag hat „Hua, Linfu“ als Autor und den Titel in Pinyin. Mit CNE und einem CNE‑fähigen Stil (z. B. einer Chicago‑18th‑ed.-CNE‑Variante) kann das Plugin trotzdem ein korrektes mehrsprachiges Zitat mit den gewünschten nicht‑englischen Formen erzeugen.
Der Kernpunkt ist: CNE entkoppelt deine interne Organisation (wie du Namen/Titel in Zoteros Standardfeldern speicherst) von ihrer Erscheinungsform in den Zitaten. Du kannst deine Bibliothek weiterhin primär mit Romanisierung organisieren und das Plugin anweisen, in der Ausgabe die lokale Schrift zu verwenden.
Stilgesteuerte Mehrsprachigkeit
Da CNE einen großen Teil seiner Konfiguration im CSL‑Stil kodiert, läuft der Ablauf so: Du wählst einen CNE‑fähigen Stil (z. B. einen Chicago‑Stil mit „‑cne“ im Namen) und dann:
- Liest CNE spezielle Konfigurationsdaten aus, die im Stil hinterlegt sind.
- Schreibt es das CSL‑JSON um, das Zotero normalerweise an citeproc senden würde, und fügt die passenden non‑English‑Felder und Varianten ein.
- Formatiert citeproc die Ausgabe wie gewohnt – jetzt aber mit aktivierter Mehrsprachlogik.
Aus Nutzersicht bedeutet das:
- Du wählst einen CNE‑Stil in Zotero oder Word wie jeden anderen Zitierstil.
- Du pflegst pro Eintrag die Plugin‑Felder (lokale Schrift, Transliteration usw.).
- Deine Zitate und Literaturverzeichnisse spiegeln die im Stil kodierte Mehrsprachenkonfiguration wider.
Im zugehörigen Forenthread gibt es bereits Rückmeldungen aus der Praxis, etwa:
- Meldungen, dass bestimmte Felder (z. B.
cne-publisher originalfür Buch und Buchkapitel) in frühen Stilversionen nicht wie erwartet ausgegeben wurden, mit konkreten Beispielen zu chinesischen Verlagen. - Antworten des Autors, der auf diese Rückmeldungen eingeht und das Mapping von Feldern und Stilen entsprechend anpasst.
Diese laufende Diskussion zeigt, dass CNE bereits in ernsthaften mehrsprachigen Projekten eingesetzt wird und kontinuierlich an reale Stilanforderungen angepasst wird.
Und die juristische Zitation?
Juris-M hat immer Mehrsprachigkeit und juristische Zitation kombiniert, daher lohnt sich ein kurzer Blick auf den aktuellen Stand:
- CNE konzentriert sich auf mehrsprachige Zitation, insbesondere für nicht‑englische Schriften und CJK; eine vollständige Reproduktion des juristischen Funktionsumfangs von Juris-M ist nicht Ziel des Plugins.
- Das Zotero‑Team hält weiterhin daran fest, dass juristische Zitation in Plugins und nicht in Forks gehören sollte – ein voll ausgereiftes, Juris‑M‑gleichwertiges Rechts‑Plugin ist bislang aber nicht in Sicht.
Wer Juris-M hauptsächlich wegen der mehrsprachigen Literaturverzeichnisse genutzt hat, findet in CNE heute den naheliegenden Ansatzpunkt im Zotero‑Ökosystem. Wer auf sehr komplexe, multi‑jurisdiktionale Rechtsstile angewiesen ist, wird vorerst weiterhin mit einer Kombination aus Zotero und manueller Nachbearbeitung arbeiten müssen.
Solltest du von Juris-M auf CNE umsteigen?
Wenn dein Hauptanliegen mehrsprachige Zitation nicht‑englischer Quellen ist – insbesondere CJK –, gibt es gute Gründe, jetzt umzusteigen:
- Du kannst mit der aktuellen Zotero‑Version arbeiten (inklusive eingebautem PDF‑Reader, Annotationen und dem neuen Notizeditor) und dennoch eine deutlich verbesserte mehrsprachige Ausgabe nutzen.
- Du musst keine getrennten Bibliotheken oder Clients mehr pflegen; CNE läuft direkt auf deiner bestehenden Zotero‑Datenbank.
- Der Plugin‑Autor lädt aktiv zum Testen, zu Fehlermeldungen und Feature‑Wünschen ein, und im Forenthread findet sich bereits detailliertes Feedback aus der Community.
Ein pragmatisches Vorgehen könnte so aussehen:
- Installiere CNE in Zotero und teste es zunächst mit einem Teil deiner Projekte, insbesondere solchen mit vielen CJK‑Quellen.
- Probiere CNE‑fähige Stile aus und prüfe, wie gut sie die mehrsprachigen Anforderungen deiner Zielzeitschriften abbilden.
- Standardisiere deinen Workflow schrittweise auf Zotero + CNE, wenn die Ergebnisse deinen Anforderungen entsprechen.
Einschränkungen
Das Plugin steckt noch in den Kinderschuhen. Wie bei Juris-M hängt vieles an einer einzelnen Person aus der Community, was langfristig ein gewisses Wartungsrisiko mit sich bringt. Außerdem benötigt das Plugin spezielle Varianten der Zitierstile: Diese müssen so angepasst werden, dass sie die neu eingeführten CSL‑Variablen tatsächlich verwenden. Das bedeutet:
- CNE erzeugt nur dann korrekte Ausgaben, wenn du einen CNE‑unterstützten Zitierstil verwendest.
- Wenn ein CSL‑Stil aktualisiert wird (und unsere Chicago‑Stile erhalten regelmäßig Updates), müssen diese Änderungen in die entsprechende CNE‑Variante übernommen werden.
Fazit
Für die meisten mehrsprachigen Arbeiten, die nicht auf hochspezialisierte juristische Zitierstile angewiesen sind, wirkt CNE wie die erste Realisierung eines lang diskutierten Ziels: ernstzunehmende mehrsprachige Zitationsunterstützung als Plugin – direkt in Zotero.






