Stand: Anfang Juli 2026. Die Entwicklung bewegt sich gerade schnell – dieser Artikel wird laufend aktualisiert.
Wer Juris-M noch im Einsatz hat, hat es vermutlich schon gemerkt: Die Synchronisation mit dem Zotero-Server funktioniert nicht mehr. Damit ist der Zotero-Fork für juristisches und mehrsprachiges Zitieren endgültig an dem Punkt angekommen, den viele seit Jahren befürchtet haben. Gleichzeitig gibt es erstmals eine konkrete Perspektive, wie zentrale Juris-M-Funktionen in das aktuelle Zotero zurückkehren – in Form eines Plugins, das sich in den letzten Wochen rasant weiterentwickelt hat. Der Reihe nach.
Was ist passiert?
Juris-M (früher Multilingual Zotero, MLZ) ist ein Fork von Zotero, den Frank Bennett über viele Jahre entwickelt hat. Er brachte zwei Dinge mit, die Zotero bis heute nicht kann: echte Unterstützung für juristische Quellen mit Jurisdiktionen und Gerichten sowie mehrsprachige Felder für Namen und Titel. Möglich machte das die Stilsprache CSL-M, eine Erweiterung des normalen CSL-Standards.
Das Problem: Die letzte Juris-M-Version erschien vor Jahren, der Entwickler hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. Solange der Client trotzdem noch mit dem Zotero-Server sprechen konnte, ließ sich damit leben. Genau das ist jetzt vorbei – in zwei Schritten:
- Januar 2026: Mit Zotero 8 wurden neue Felder im Datenmodell eingeführt. Alte Clients – und dazu zählt Juris-M funktional – konnten ab diesem Zeitpunkt keine Änderungen mehr vom Server herunterladen.
- Juni 2026: Mit Zotero 9 kam ein neues Authentifizierungsverfahren. Seitdem können sich alte Clients gar nicht mehr beim Sync anmelden – mit einer kurzlebigen Ausnahme direkt nach einem Passwort-Reset.
In den Zotero-Foren häufen sich entsprechend die Threads von Juris-M-Nutzern, deren Bibliotheken auseinanderlaufen – exemplarisch etwa dieser Thread zur Frage, ob Juris-M überhaupt noch aktiv ist. Die Zotero-Entwickler sind in der Frage deutlich: Ohne neues Release sollte Juris-M als aufgegeben betrachtet werden.
Lebt das Projekt noch?
Ein bisschen. Auf dem Discord-Server des Jurism-Projekts wird weiterhin diskutiert, ein neues Juris-M-Release ist daraus aber seit Jahren nicht hervorgegangen. Wer auf ein „Juris-M für Zotero 9" wartet, wartet nach aktuellem Stand vergeblich. Die spannende Entwicklung passiert stattdessen woanders – und zwar genau dort, in diesem Discord: als Plugin für das normale Zotero.
Indigobook-Phoenix: Juris-M-Funktionen als Zotero-Plugin
Auf GitHub ist mit indigobook-phoenix ein Plugin erschienen, das die zentrale Juris-M-Mechanik in Zotero (Version 8 und neuer) nachbaut. Gestartet ist es als reines US-Projekt rund um das IndigoBook, den frei verfügbaren US-Zitierstandard für juristische Quellen. Der Name täuscht aber inzwischen: Seit Ende Juni arbeitet der Entwickler gemeinsam mit dem europäischen Stil-Maintainer Georg Duffner (der u. a. die Juris-M-Fassungen der österreichischen AZR pflegt) daran, das Plugin multijurisdiktional zu machen – und die Fortschritte sind bemerkenswert. Stand Anfang Juli funktioniert bereits:
- Freie Jurisdiktionswahl: Über einen Picker im Eintragsfenster lässt sich jede Jurisdiktion samt zugehörigem Gericht auswählen – nicht mehr nur US-Gerichte. Das ist das Kernstück von CSL-M.
- Juris-M-Stile inklusive Style-Modules: Die jurisdiktionsspezifischen Stilmodule aus dem Juris-M-Repository sind gebündelt und werden korrekt angewendet. In Tests liefern etwa JM AZR (Österreich) und JM IBFD (internationales Steuerrecht) bereits korrekte Zitate – inklusive englischer Gerichtsbezeichnungen im IBFD-Stil („AT: OGH [Supreme Court], …").
- Parallelzitate: Dieselbe Entscheidung aus mehreren Fundstellen wird korrekt zusammengezogen („OGH 2 Ob 328/97t = ecolex 692 = JBl 54 = SZ 71/21") – über Zoteros Standard-Funktion „Zugehörige Einträge".
- Kommentierte Entscheidungen: Der CSL-M-Beteiligtentyp „Commenter" (Entscheidungsanmerkungen von Glossatoren) wird unterstützt.
- Juris-M-Daten bleiben nutzbar: Die von Juris-M im Extra-Feld abgelegten
mlzsync1-Daten werden gelesen und synchron gehalten. Bestehende Bibliotheken sind also nicht verloren. - Abkürzungsdaten und eigene Overrides: Juristische Abkürzungen (Gerichte, Zeitschriften) werden aus den Juris-M-Datenbeständen aufgelöst; über ein Einstellungs-Panel lassen sich eigene Einträge ergänzen oder ganze Abkürzungsdateien importieren.
- Westlaw- und Lexis+-Import über mitgelieferte Translator (primär für US-Nutzer relevant).
Die ehrliche Einordnung
Das Plugin ist ausdrücklich Alpha-Software, auch wenn der Entwickler ein erstes Beta-Release in Aussicht gestellt hat. Die Alpha-Versionen sind als fertige Pakete auf GitHub verfügbar (aktuell 0.5.0); die Entwicklung läuft den Releases derzeit allerdings spürbar voraus. Und die Alpha-Phase ist wörtlich zu nehmen: Eine frühe Version hat bei Tests die Jurisdiktionsdaten aller Fall-Einträge mit US-Werten überschrieben – der Fehler ist behoben, zeigt aber, warum Tests nur mit deaktiviertem Sync und einer Kopie des Zotero-Datenverzeichnisses stattfinden sollten.
Es fehlt auch noch einiges. Mehrere CSL-(M-)Eintragstypen existieren in Zotero schlicht nicht (Vertrag/Treaty, Verordnung/Regulation, juristischer Kommentar), diverse Eintragstypen brauchen noch das Jurisdiktionsfeld (Gesetz, Anhörung, Gesetzentwurf, Bericht), und etliche CSL-M-Spezialfelder sind noch nicht abgebildet. Die mehrsprachigen Felder für Namen und Titel, für die viele Nutzer außerhalb der Rechtswissenschaften Juris-M eingesetzt haben, sind gar nicht Teil des Plugins – dafür gibt es mit Cite Non-English einen eigenen Ansatz (dazu unten mehr). Offen ist zudem, wer die Juris-M-Datenbestände (Abkürzungen, Jurisdiktionsdaten, Stilmodule) langfristig pflegt – auch das wird im Discord gerade sortiert.
Warum das trotzdem eine sehr gute Nachricht ist: Zum ersten Mal seit Jahren gibt es einen aktiv entwickelten Weg, jurisdiktionsabhängiges juristisches Zitieren in ein aktuelles, gepflegtes Zotero zu bringen – statt in einer eingefrorenen Fork, der mit jeder Zotero-Änderung weiter zerbricht. Der Plugin-Ansatz ist strukturell der richtige: Zotero entwickelt sich weiter, das Plugin setzt obendrauf. Und dass hier ein US-Entwickler und ein europäischer Stil-Maintainer in Tagesfrequenz Bugs fixen und Features nachrüsten, ist mehr Bewegung, als das Juris-M-Ökosystem seit Jahren gesehen hat.
Was sollten Juris-M-Nutzer jetzt tun?
Kurz gesagt: den Umstieg auf Zotero nicht weiter aufschieben. Die Daten liegen in einem Zotero-kompatiblen Format, der Umzug läuft in der Regel über die Synchronisation mit dem Zotero-Konto. Da der Sync aus Juris-M heraus nur noch unmittelbar nach einem Passwort-Reset kurzzeitig funktioniert, gilt: je früher, desto einfacher. Wer seit Januar 2026 noch in Juris-M gearbeitet hat, sollte prüfen, welche Einträge es nicht mehr auf den Server geschafft haben, bevor die lokale Bibliothek aufgegeben wird. Die CSL-M-Zusatzdaten (Jurisdiktion, Gericht usw.) wandern dabei ins Extra-Feld mit – genau dort setzt Indigobook-Phoenix später an.
Für die eigentliche Zitierarbeit in Zotero gibt es für viele juristische Stile längst normale CSL-Varianten – etwa OSCOLA oder AGLC. Wer einen Stil braucht, den es noch nicht gibt, kann ihn sich auch erstellen lassen.
Und die zweite Juris-M-Baustelle, das mehrsprachige Zitieren? Dafür gibt es inzwischen ebenfalls einen Plugin-Ersatz: Wie das Plugin Cite Non-English die mehrsprachigen Felder von Juris-M zumindest teilweise ersetzt, haben wir in einem eigenen Artikel beschrieben.
Sobald Indigobook-Phoenix den Alpha-Status hinter sich lässt, aktualisieren wir diesen Artikel.






